Das Paradies
In meinem Fenster lag ich um vier Uhr,
Glock vier an einem Himmelssommermorgen.
Der breite braune Graben, der das Schloß
Umringt und schützt vor jedem Überfall,
Gähnt unter mir, erwacht aus Nacht und Nebel.
Schon blitzen über seine Fläche fort
Die blanken schlanken Schwalben; und Libellen
Ruhn ihre zitternden Flügel aus im Schilf.
Weit aus dem Park klingt gülio giliaio
Des Pirols Ruf in hohen Gartenbäumen;
Wie gelb und schwarze Bälle gaukelt er.
Mir gegenüber, dicht am Wasserrand,
Biegt sich, umtanzt von weißen Schmetterlingen,
Von Lilalocken völlig überbürdet,
Mit seinen Blüten ein Syringenbusch:
Kommt, kommt, und pflückt mich doch! Kommt keiner her,
Um meiner Liebe Prangen zu bewundern?
Nicht fern davon steht eine Enakseiche,
Die ihre jung grüngoldigen Blätter sträubt.
Und zwischen Eiche und Syringenbusch
Erscheint gemach, aus tiefen Schatten patschend,
Ein Löwenpaar. Ein Zicklein »weiß wie Schnee«
Umspringt es wie ein Hund, der seinen Herrn
Nach langer Trennung endlich wieder sah.
Die beiden Löwen legen sich ins Gras,
Wo der Syringenbusch sein Pfingstfest feiert.
Das gelbe Fell, die dunkle Zottelmähne
Sind überwölbt vom Lilablütenrausch.
Ein Fleck von kleinen brennend roten Blumen
Lauscht zu mir her aus einem Wiesenstück.
Es ist ganz still. Die Sonne schwitzt und schweigt.
Die Vögel, »so da hin und wieder fliegen,«
Machen im Fluge nur ein zart Geräusch,
Wenn sie bei meinem Ohr vorüberschießen.
Wo bin ich denn? Ach so: Im Paradies.
Fünf Stunden später, und im Park wirds laut:
Prinzeßchen Gabriele geht spazieren.
Sie ist vier Jahre alt. Begleitet ist sie
Von einer Hofdame und einer Bonne;
Ein greiser Kammerdiener folgt von weitem.
Wie Reynolds sie und Gainsborough gemalt,
Ich kann nicht besseren Vergleich hier geben,
So schaut sie aus, so unschuldvoll und reizend.
Sie plappert bald französisch, englisch bald,
Antwortet deutsch, antwortet dänisch auch,
Und leuchtet dann mit ihren frischen Bäckchen
Durch die Alleen fort, durch Buchs und Eiben.
Und Gott der Herr sieht lächelnd auf sie nieder
Und küßt sie auf die kinderholde Stirn.
Neulich fuhr sie zum erstenmal ins Leben
Und kam dabei durch eine kleine Stadt.
Da war in einem Biergarten viel Lärm:
Geschart auf Bänken, die sich fast verwachsen,
Sitzt, eng gedrängt, All-Alles durcheinander:
Weiber und Männer, die zu viel getrunken
Und nun mit wildestem Gejohle jubeln,
Skatmenschen, denen aus den dicken Knöcheln
Das Blut schier rinnt vom harten Tischaufschlagen,
Dampfende Mädchen, die vom Tanzsaal kommen,
Wo ein entsetzliches Klavier berserkert.
Ein Klub erscheint, der Klub »Klein Veilchen du«:
Voran ein Mann mit langem grauem Bart,
Der würdevoll in seinem schwarzen Gürtel,
Mit finstrer Augenbrau', geschwellter Brust,
Ein Banner hochhehr trägt: Klein Veilchen du.
Die Quasten halten ernste Jünglinge.
Jetzt stimmt der Sängerchor des lieben Klubs
Gesang an: »Wenn die Eichenwälder rauschen.«
Gelächter, Raufen, Saufen, Kreischen, Gröhlen
Da fährt der Wagen mit Prinzeß vorbei.
Sie sieht mit großen, staunend großen Augen
Den Wirrwarr an. Er scheint ihr zu gefallen.
Sie klatscht in ihre Händchen und ruft selig:
Le grand jardin, oh, c'est le paradis!