Novemberabend
Auf den sehr schmalen Wiesenweg
Senkt sich die Dunkelheit.
Von ferne dringt der Schreckensruf eines Vogels
Durch die Stille.
Ward er im Schlaf überfallen?
Der Schrei klang
Wie die Angst des Lebens vorm Tode.
Große, weiche, schwammige, schwarze Wolken,
Die langsam, kaum sichtbar ziehen,
Lassen die Sterne nicht durch.
Ich kenne die Gegend genau
Und wandre darum getrost den Pfad,
Nur begleitet von meinen Gedanken:
Das Leben ist kurz,
So kurz oft, daß wir im Keim,
In der Knospe, in der Blüte schon sterben müssen.
Und der so stirbt, hat das große Los gewonnen.
Nichts ward ihm offenbar
Von allen Qualen, Wirrsalen, Widersprüchen.
Nur das Kind, nur die Jugend
Hat noch Furcht, hat noch Ehrfurcht
Vor dem verhüllten Bilde von Sais.
Uns, die wir schon längst
In die helle Wüste hineinschritten,
Ist dies Bild entschleiert:
Das nackte Leben
Mit seinen Roheiten und Rücksichtslosigkeiten,
Seinen unerhörten Ungerechtigkeiten,
Seinen Lieblosigkeiten und Verlogenheiten,
Mit seinem schändlichen Hochmut,
Mit seiner verbrecherischen Eitelkeit und –
Mit seinen bitterwenigen Maiblütentagen.
Andre Gedanken kommen.
Ein Wort fällt mir ein,
Das ich nie vergessen habe,
Das mir von meiner Amme
Oder von wem immer
In frühster Zeit vorgeträllert worden:
Eine Rose ohne Blatt
Schenk ich dem,
Der seine Ehre verloren hat.
Ein Wort aus dem Volke?
Wer hats zuerst gesprochen?
Hats nicht einen tiefen, verborgnen, poetischen Sinn?
»Der seine Ehre verloren hat.«
Wie oft verlieren wir sie, wir Heuchler,
Im Innern!
Äußerlich: O, wir Ehrenwerten!
Und weil das ganze Dasein, Zusammensein
Ohne tägliche, stündliche Heuchelei
Ein Unding wäre, eine Unmöglichkeit,
Nun, da ist es unser ernstestes Bestreben,
Unsre äußere Ehre
Blank zu halten.
Unsre innere?
Wer weiß davon? Wer sieht sie denn?
Wie ein dunkelfahlgelber Kreisausschnitt
Liegt am westlichen Horizont
Der Lichtschein der großen Stadt,
Ein Abglanz ihrer unzähligen Laternen.
Da keucht, rast das Leben!
Da rast auch »das Vergnügen«,
Der natürliche Drang, Mensch mit Menschen zu sein,
Affe mit Affen, Spatz mit Spatzen.
Denn schnell ist unser bißchen Hinundhergehüpfe vorbei,
Schnell gleich einer Regenbö.
Ich wohne in meiner selbstgewählten Einsamkeit,
In meiner unantastbaren Einsamkeit.
Auf meinen abgelegenen Spaziergängen
Begegn ich keinem Menschen –– aaah!
In mein Zimmer kommt kein Mensch – aaah!
Ja: ah, aah, aaah!
Dies blödsinnige Ah
Ist das unausdrückbare Zeichen
Meiner höchsten Wonne.
»Wer im Verborgnen lebt, lebt gut.«
Und Ehrgeiz und Ruhm,
Diese beiden gefräßigen Bestien?
Ich mag mich nicht auffressen lassen.
Und was ist die Sternenwelt des Nachruhms?
Die kleine Spielmaus der großen Katze Vergessenheit.
La, la, la, la,
Bleibt mir vom Halse mit ihnen
Und stört mir nicht meinen gesunden Schlaf!
Der mattglänzende Kreisausschnitt
Am westlichen Horizont:
Die große Stadt
Mit ihren Blumensälen »und dergleichen«.
Warum soll ich nicht auch mal ausspannen?
Mein Bahnhof liegt in der Nähe,
Stündlich fährt ein Zug.
In neunzehn Minuten bin ich da.
Und dann zwölf Stunden hindurch tanzen:
Rechts herum und links herum,
Immer mang das Publikum.
Zwölf Stunden Walzer tanzen:
Ist denn Liebe ein Verbrechen,
Darf man denn nicht zärtlich sein?
Das erfrischt und erquickt Leib und Seele
Nach dem vielen Alleinsein;
Und »das Herz« muß ab und an auch ausruhn,
Wie die Arbeit.
Was seh ich dort?
Mein erleuchtetes Häuschen.
Es entsteht in mir eine kleine Balgerei:
Ahriman und Ormuzd geben sich Maulschellen.
Ormuzd siegt:
Mein erleuchtetes Häuschen.
Und ich eil ihm zu mit Dank und Sehnsucht.
Wie traulich ists, wenn ich eintrete:
Wie erfreun mich immer wieder an den Treppenwänden
Meine Ridiger und Woolletts.
In meinem Arbeitszimmer
Wartet schon auf mich die brennende Lampe.
Hurra, was ist das?
Meine Kinder rufen mir
Aus ihren Bettchen: Papa, Papa!
»Gleich, gleich!«
Gute Nacht, gute Nacht.
Dann gehts an den Schreibtisch.
Und ich stülpe mir über den Schädel
Das Bequemste auf unsrer Erde:
Die große, behaglich schützende, angstmeiergenähte,
Jottedochlaßtmichzufrieden-Nachtmütze
Des Philisters.