Der Golem
Prag, das alte sagenreiche,
Barg schon viele Menschenweisheit,
Barg schon viele Menschentorheit,
Auch den hohen Rabbi Löw.
Rabbi Löw war sehr zu Hause
In den Künsten, Wissenschaften,
Und besonders in der schwarzen,
In der schweren Kabbala.
So erschuf er einen Golem,
Einen holzgeschnitzten Menschen,
Tat belebend in den Mund ihm
Einen Zauberspruch: den Schem.
Unverdrossen, als sein Diener,
Muß der Golem fegen, kochen,
Kinder wiegen, Fenster putzen,
Stiefel wichsen und so fort.
Nur am Sabbath darf er rasten;
Nahm ihm dann der hohe Rabbi
Aus dem Mund den Zauberzettel,
Stand er stockstill augenblicks.
Einmal hat er es vergessen,
Einmal, was ist da geschehen:
Rasend wurde, dwatsch der Golem,
Ein Berserker ward der Kerl.
Bäume reißt er aus der Erde,
Häuser wuppt er in die Wolken,
Schleudert Menschen in die Lüfte,
Stülpt den Hradschin auf den Kopf.
Schon im Anzug war der Sabbath,
Alle Arbeit muß nun ruhen.
Alles flüchtet, brüllt und zetert
Nach dem hohen Rabbi Löw.
Der erscheint; packt eben, eben
Noch den Tollhans am Schlafittchen,
Ist mit ihm bald oben, unten,
Bald auf Bergen, bald im Tal:
Wie ein Bändiger, der dem Pferde,
Das sich bäumt und wirft und schüttelt,
Einen Kappzaum legen möchte,
Und nun mit ihm tanzen muß.
Hopsa, hopsa, was für Sprünge!
Aber endlich glückts, er würgt ihn,
Zerrt den Schem ihm aus den Zähnen
Und zerschmettert liegt der Kerl.
Nicht noch einmal hat der Rabbi
Einen Golem sich geschnitzelt,
Jede Lust war ihm vergangen:
Allzu klug ist manchmal dumm.